Das neue Buch über Pogačar: Wie gut ist die Biografie über den Radsport-Superstar?

Die neue Biografie „Pogačar – Radsport ist ein Spiel für mich“ ist da. Ich habe sie schon für euch gelesen.

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6–9 Minuten

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Über jeden großen Sportler erscheinen irgendwann Biografien. Mal mehr, mal weniger lesenswert und informativ. Manchmal sind die einfach nur fanboyish, manchmal derbe dick aufgetragen. Manchmal sind die aber auch richtig gut und ich nehme daraus was für mich mit. Die neue über Tadej Pogačar trägt den erfrischenden Untertitel „Radsport ist ein Spiel für mich“. Das klang spannend und ich habe beim Verlag nach einem Rezensionsexemplar gefragt. Im Folgenden findet ihr meine Rezension zum gerade auf Deutsch Pogačar Buch, erschienenen Hardcover bei Delius Klasing.

Cover der Pogačar-Biografie „Radsport ist ein Spiel für mich“ von Yohann Hautbois.
Die neue Biografie über Tadej Pogačar

Immer nur noch Pogačar

Ich bin ganz ehrlich, diese Radsportsaison vor dem Fernseher war mehr als einmal todlangweilig. Egal ob Klassiker oder Rundfahrten, oft war das Rennen eine oder zwei Stunden vor dem Ziel gegessen, weil vorne einer weg war, den einfach keiner mehr bekam: Tadej Pogačar, der Dauerbrenner vom UAE Team Emirates-XRG. Eine umso sehenswertere Ausnahme war das Finale der Tour in Paris, wo er in einer absoluten Harakiri-Aktion zusammen mit Mathieu van der Poel vorne rausgefahren ist und der Niederländer dann in einem Herzschlagfinale noch den Sprint vorm Hauptfeld gewonnen hat. Tadej war da schon vom Feld geschluckt, gewann aber so ganz nebenher seine fünfte Tour – mit zarten 27 Jahren.

Diese letzten Kilometer waren bezeichnend für den Fahrer aus Slowenien. Er hatte den Gesamtsieg schon im Sack, wollte aber trotzdem mal gucken, was da noch so geht. Mutmaßlich aus Lust und Laune und wie das im Klappentext so schön heißt, weil er „den Radsport vor allem als Spiel begreift und aus Angst vor Langeweile immer wieder zu den kühnsten Attacken ansetzt“. Es hätte ja klappen können. Und es setzt ihn ab von den kalkuliert drögen Vorgängern, die sonst gern mal die großen Landesrundfahrten gewinnen, weil sie nur nach Powermeter und Tourfunk fahren.

Fünfter Toursieg mit 27 Jahren von Tadej Pogačar
Fünf Toursiege mit damals nicht mal 27 Jahren: Tadej Pogačar

Der Autor

Der L’Équipe-Journalist Yohann Hautbois hat Pogačar über Jahre begleitet und geht im Buch auf den gesamten Werdegang des Jungen aus der slowenischen Provinz ein, der alles andere als immer schon ein sportlicher Überflieger war. Dieser regelmäßige und über Jahre dauernde Zugang zum Weltstar, der inzwischen in Monaco lebt, ist nur ein Vorteil. Inklusive mehrerer Interviews aus dieser Zeit, O-Tönen von anderen Radsportgranden zu Pogi (Spoiler: Alle mögen ihn) sowie entsprechendem Bildmaterial für die 160 Seiten Biografie. Weiterer Vorteil für den geneigten Leser: Auch das D-Wort findet in der Biografie statt. Nicht ganz unwichtig bei einem derart dominanten Radsportler, dessen Teamchef Mauro Gianetti auch schon länger im Geschäft ist und früher solche Überflieger wie Riccò, Mayo oder Cobo im Stall hatte. Pogačar sagt, er sei sauber, könne die Vorbehalte angesichts der Vergangenheit des Radsports aber verstehen. Was dagegen etwas zu kurz kommt, ist das Thema Sportswashing durch Teams wie seines. Aber vielleicht ist das auch nur so ein deutsches Ding, dass man immer den Haken sucht. Wobei wir ja auch ganz gern Gas aus solchen Ländern beziehen. Also zurück zum Sport.

Tadej Pogačar beim Ausfahren mit Smartphone auf dem Zeitfahrrad
Pogi beim Ausfahren auf dem Zeitfahrrad

Vom Kobold zum neuen Merckx

Der kleine Pogi wollte immer Radprofi werden. Die Voraussetzungen waren anfangs aber nicht so günstig, wie er heute alles und jeden dominiert. Er war zu klein und zierlich, daher der Spitzname Kobold und fuhr erst mal hinterher. Die Biografie beschreibt seinen Werdegang von den ersten nationalen und dann auch schnell internationalen Rennen, bei denen er von ganz vielen noch aktiven Fahrern verblasen wurde, bis zu seinem Durchbruch erst bei der Vuelta und dann im Coronajahr 2020 im Herbst (!) bei der Tour, wo er seinen Landsmann Roglič am vorletzten Tag noch aus dem gelben Trikot gekegelt hat.

Diese für viele überraschende spielerische Attacke war nach einem langsamen Wachstum eine recht späte Leistungsexplosion. Antritte wie dieser wurden dann sein Markenzeichen, die er so dann immer wieder gebracht hat aufgrund seiner außergewöhnlichen Physis. Das wurde ja zur Genüge schon überall beschrieben und im Detail sucht man konkretere Daten in diesem Buch vergebens. Aber wo kommt so ein Jahrhunderttalent her?

Von zu Hause bekam er da wenig mit. Seine beiden Eltern hatten kein Geld für eine Rennmaschine, seine erste bekam er vom Verein gestellt. Angenehm erfrischend auch hier: Er stammt aus einem kleinen Ort in der Provinz, wuchs mit drei Geschwistern auf, davon einem älteren Bruder, der auch Rad fuhr. Seine Eltern waren technischer Zeichner und Lehrerin und standen laut Beschreibung von Hautbois später jahrelang schüchtern im Regen an der Strecke und geduldig vor dem Teamfahrzeug, um ihrem Sohn kurz mal Hallo zu sagen, wenn er wieder mal was ganz Großes gewonnen hatte. Im Nachhinein klingt das alles herrlich normal und wenig aufgeregt beziehungsweise ausgeschmückt.

Dass seine langjährige Freundin Urška und er sich schon aus ihren Nachwuchstagen kennen, sie auch Straßenrennen fährt und sich seine Abfahrten im Fernsehen nicht anschauen mag, klingt halt auch einfach nur niedlich.

Es hätte in so einem Buch ja auch so aussehen können und damit seinen Drive begründen, alles in Grund und Boden fahren zu müssen: Vom Stiefvater mit einem Paddel verprügelt, immer schon der Stärkste in allem, mit Killerinstinkt und spitzen Ellenbogen und samt Entourage nur noch im Privatjet unterwegs. Seine Partnerin wäre dann wahlweise Supermodell, Rockstar oder wenigstens Milliardärstochter. Auf der anderen Seite reden wir hier halt auch über einen Slowenen und keinen Texaner und für europäische Verhältnisse den netten Jungen von nebenan. In diesem Zusammenhang fällt im Buch und auch sonst in der Radsportbubble auf, wie positiv angetan alle von Pogačar sind. Und dieses Gönnenkönnen herrscht da ja sonst eher selten.

Mit dem Erfolg gab es dann natürlich Veränderungen: In seinem Heimatort etwa einen gelben Verkehrskreisel, sein alter Verein hat jetzt eine nach ihm benannte Nachwuchsabteilung und wenn er heute in Slowenien fährt, kommt er aus dem Autogrammeschreiben nicht mehr hinaus. Das ist inzwischen halt überall so, wo man was mit Radsport anfangen kann. Und ich vermute mal, er fliegt heute auch nicht mehr Holzklasse bei Ryanair, wenn er von seinem Wohnort Monaco zu den Rennen fliegt.

Aber hey, er ist halt der neue Merckx. Muss dieser Vergleich mit jemandem von früher immer sein? Offenbar ja, frag mal Florian Lipowitz. Bei Pogi drängt sich das aber in der Tat langsam auf, weil er schon dermaßen viele Rennen gewonnen hat. Und weil er vom Frühjahr bis in den Herbst alles fährt – eben nicht nur diese eine Rundfahrt im Juli – und gewinnt. Es sei denn, das Schlüsselbein ist durch wie zuletzt. Und nicht zuletzt, weil er mit jetzt 28 immer noch superjung ist und selbst wenn er nur bis Anfang 30 fahren sollte, noch genug Potenzial hat.

Eddy selbst sagt dann auch im Buch über ihn: „Tadej Pogačar ist sicher auf dem besten Weg, mehr als fünfmal die Tour de France zu gewinnen, er ist der neue Kannibale.“ Interessant in diesem Zusammenhang: Im Buch ist mehr als einmal die Rede von einer Hassliebe mit der Tour de France, auch wenn diese für den Sport, sein Team und die gesamte Industrie so etwas wie der Lebensnerv und oft die einzige Daseinsberechtigung zu sein scheint, gerade mit einem Hauptsponsor von außerhalb.

Tadej Pogačar mit dem Vélo d’Or und der Eddy-Merckx-Trophäe für seine Erfolge im Radsport.
Goldjunge: Tadej Pogačar mit seinen Trophäen für den Radsportler und Klassikerfahrer des Jahres 2024

Pogacar Buch: Mein Fazit zur Biografie

Wer auf der Suche nach Wattzahlen, Trainingsgeheimnissen und den letzten Details seiner Rennmaschine ist, wird hier eher nicht fündig. Dafür erfährt man einiges über den Menschen hinter den ganzen Siegen und warum der offenbar auch abseits des Rads ziemlich normal geblieben ist. Und das liest sich angenehm unaufgeregt, ohne die sonst gern mal übliche Heldenverehrung.

Für eingefleischte Radsportfans ist sicher nicht alles neu, aber gerade die persönlichen Einblicke und Geschichten aus seinem Umfeld machen das Buch lesenswert. Wer Pogačar mag, macht damit ohnehin wenig falsch. Und wer ihn wegen seiner Dominanz inzwischen eher langweilig findet, versteht danach vielleicht ein bisschen besser, was diesen Typen eigentlich antreibt. Der will halt nur spielen.

160 Seiten, reichlich Bilder und keine wissenschaftliche Abhandlung. Muss ja auch nicht immer sein. Für mich eine unterhaltsame Lektüre, die man auch gut an jemanden verschenken kann, der sich für Radsport begeistert. Bald ist ja Weihnachten.

Die Biografie ist bei Delius Klasing als Hardcover erschienen, kostet 26,90 Euro und sie ist ab jetzt im Handel. Wer mag, findet die wie ganz viel anderes Schnellfahrzeug bei mir im derbaranski.shop und zwar versandkostenfrei innerhalb Deutschlands!

gibt es auch im

Bildrechte: Delius Klasing, Garnier, Papon, Rosca. Vielen Dank dafür.